Stefan Thoma restauriert mit Hingabe die Klassiker von Charles und Ray Eames. Für uns zerlegt er einen ,Lounge Chair‘ in seine Einzelteile und erklärt, was das Original so einzigartig macht.

Seinen ersten Eames fand Stefan Thoma Anfang der 90er Jahre auf dem Sperrmüll. «Klingt sehr klischeehaft, aber so begann alles. Den Fiberglasstuhl, einen alten, ,Plastic Side Chair‘, habe ich damals in der Werkstatt meines Vaters repariert.» Thoma interessierte sich für die Entwürfe des amerikanischen Designerpaars Charles and Ray Eames, sie gefielen ihm sofort. Der Autodidakt studierte alte Verkaufsunterlagen, Fachliteratur und Kataloge, tauschte sich mit anderen Eames-Fans aus und begann, die Möbel, die von Herman Miller und in Europa seit 1959 von Vitra hergestellt werden, zu reparieren. Schnell entwickelte sich die Werkstatt des Breisgauers zum Geheimtipp der Szene. Heute ist der 44-Jährige anerkannter Gutachter und Sachverständiger für Designklassiker und einer der wenigen von Vitra autorisierten Restauratoren bundesweit.

Eine Autostunde nördlich von Basel, in Thomas idyllisch in Breisach gelegener Familienfirma, stapeln sich Sitzschalen, Stuhlgestelle, Sitzpolster, Ersatzteile und fertig montierte Möbel. An der Wand lehnt lässig ein Rennrad, benutzt hat es der viel beschäftigte Tüftler in der letzten Saison kaum. «Zu viel um die Ohren!» Während sich Mitarbeiter Gerd Zimmermann schon hingebungsvoll um die gerissene Formholzschale eines ,Lounge Chair‘, der gerade in Einzelteilen angeliefert wurde, kümmert, untersucht Thoma den neuen Patienten Stück für Stück. Für den Laien sieht es nach einem Totalschaden aus. Der Riss zieht sich quer durch die dünne Holzschale. Wie konnte das passieren? Und vor allem: Wie kriegt man das wieder hin?

«Manchmal wundern wir uns schon, was mit so einem Sessel alles passieren kann. Einige Besitzer lassen das Möbel zum Beispiel in der prallen Sonne stehen. Oft sehen wir Schäden, die sich kaum erklären lassen. Dabei ist der ,Lounge Chair‘ solide konstruiert und wird von Vitra immer noch optimiert. Wenn man ihn gut behandelt, kann der eigentlich gar nicht kaputtgehen!» Thoma schüttelt den Kopf. «Die Flexibilität der Formholzschalen und ihre Gummi-Metall-Verbinder, die sogenannten Shock-Mounts, machen den Sessel stabil und gleichzeitig extrem bequem. Früher bestanden die Schalen aus fünf verleimten Schichten, heute sind es sieben. Sie sind einen Millimeter dünner, dafür aber flexibler. Die federnde Konstruktion ist die Voraussetzung für Statik und Komfort. Nur 18 Schrauben halten den Sessel zusammen, der aus insgesamt 160 Einzelteilen besteht und in 47 Arbeitsschritten montiert wird.» Thoma hat alle Zahlen im Kopf. Auf den Markt kam der «Lounge Chair» im Jahr 1956. Die Eames stellten sich einen eleganten und modernen Clubsessel vor. «Damals wog der Sessel an die 25 Kilo und kostete rund 1200 Dollar. Das war für damalige Verhältnisse eine Stange Geld!»

In den klassischen Massen ist das Möbel 84 Zentimeter hoch, die Sitztiefe beträgt 56,5 Zentimeter, die Sitzhöhe 38 Zentimeter. «Weil die durchschnittliche Körpergrösse aber um bis zu zehn Zentimeter zugenommen hat, wurde später zusätzlich eine zweite, etwas grösser dimensionierte Version auf den Markt gebracht, die 89 Zentimeter hoch ist.» Welche Abmessungen Thoma selbst bevorzugt? «Die klassischen. Ich passe besser zu den ursprünglichen Sesselmassen, obwohl ich mit 1,85 Meter nicht gerade klein bin. Man sollte auf jeden Fall Probe sitzen und Sitztiefe und Lehnenhöhe beider Modelle überprüfen», so der Rat des Fachmanns. Wer nicht direkt bei Vitra kauft, sollte auch darauf achten, dass er einen echten Eames bekommt.

«Manchmal setze ich mich abends vor einen ,Lounge Chair‘, belohne mich mit einem Glas Wein und freue mich einfach an dem Anblick.»

Thoma erkennt Kopien des ,Lounge Chair‘ zuverlässig an falsch proportionierten Polstern, zum Beispiel an zu dicken Armlehnen, an den Materialstärken, an der Holzsorte einer Sitzschale, an der Position der Polsterknöpfe, am gefälschten Label, das sich unter der Sitzschale befindet. «Im Moment sind besonders viele Kopien mit Herman Miller-Label im Umlauf. Die werden manchmal so gut gefälscht, dass selbst ich sie nur mit einem Fadenzähler vom Original unterscheiden kann. Laien ohne entsprechende Erfahrung fällt es schwer, Original und Plagiat auseinanderzuhalten. Es sind inzwischen so viele Eames Möbel im Umlauf, dass man sehr genau hinschauen muss. Manchmal sind die Fälschungen aber auch dermassen dilettantisch gemacht, dass ich mich wundere, warum der Käufer erst bemerkt, dass falsche Beine unter seinem ‚Plastic Side Chair‘ kleben, wenn sie wegbrechen und er auf dem Hosenboden landet!» Wie man sich beim Kauf vor Kopien schützt? «Vorsicht vor Dumpingpreisen! Nur unseriöse Händler bieten sogenannte Originale mit nicht nachvollziehbaren Rabatten an. Neue Möbel sollte man nur bei von Vitra autorisierten Fachhändlern kaufen, Vintage-Klassiker bei namhaften Auktionshäusern und Galerien oder auf einer der anerkannten Messen. Weil der Handel mit Vintage Möbeln so stark boomt, ist Vorsicht angebracht.»

Inzwischen haben Thoma und sein Mitarbeiter die gerissene Sitzschale des ‚Lounge Chair‘ genauer unter die Lupe genommen. «Vermutlich war das Möbel zu grossen Temperaturschwankungen und zusätzlich grosser mechanischer Beanspruchung ausgesetzt. Stauwärme, erzeugt von uralten Fussbodenheizungen, lässt den Leim zwischen den Holzschichten nach und nach zerbröseln, die Schale wird spröde und bricht. Wir bauen sie jetzt neu auf, indem wir die Furnierlagen ausbessern und an mehreren Stellen Kleber injizieren.» Auch ausgeleierte Messingelemente des Drehgestells ersetzt Thoma durch neue, die er passgenau einzeln an der Drehbank anfertigt. Egal ob ausgerissene Shock-Mounts, defekte Fussgestelle oder zerkratzte Polsterbezüge: Der Restaurator richtet, glättet und erneuert Holz, Gummi, Metall und Leder und bringt nach getaner Arbeit sein Siegel mit Auftragsnummer und Namenszug an. So ist jederzeit nachvollziehbar, was er gemacht hat.

Was er an dem ,Lounge Chair‘ so faszinierend findet? «Die Leichtigkeit und den Komfort des Sessels! Die Konstruktion mit dem genialen technischen Zusammenspiel der verschiedenen Materialien! Je schwieriger die Restauration war, desto größer ist jedes Mal die Vorfreude auf die Begegnung mit dem Kunden. Manchmal setze ich mich abends vor einen ,Lounge Chair‘, belohne mich mit einem Glas Wein und freue mich einfach an dem Anblick.»


Veröffentlichungsdatum: 14.11.2019, zuerst veröffentlicht in «Schöner Wohnen»
Autor: Gunda Siebke
Bilder: © Martin Wagenhan